{"id":114,"date":"2021-12-01T10:00:12","date_gmt":"2021-12-01T10:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/2030.slatter.ch\/?p=114"},"modified":"2021-12-02T13:15:58","modified_gmt":"2021-12-02T13:15:58","slug":"beitrag-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2030.slatter.ch\/?p=114","title":{"rendered":"Beitrag 4"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir hatten es in diesem Kolloquium bereits davon: Kulturanthropologie ist ein Fach, das sich selbst reflektiert und versucht, wie ein Seismograph Gegenw\u00e4rtiges aufzusp\u00fcren. Es liegt also nahe, dass in den n\u00e4chsten zehn Jahren neue Diskurse entstehen und andere in den Hintergrund r\u00fccken werden, neue Forschungsmethoden an Relevanz gewinnen und andere verworfen werden. Die Frage, die mich deshalb hier besch\u00e4ftigt, dreht sich weniger um das \u00abWas\u00bb als um das \u00abWie\u00bb. Wie werden Menschen im Jahr 2030 im Seminar ausgebildet werden? Welche Werkzeuge werden sie an die Hand kriegen? Wie werden sie sich neues Wissen und F\u00e4higkeiten aneignen?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich habe ich an der Fachhochschule f\u00fcr Gestaltung und Kunst in Basel Prozessgestaltung studiert. Dort ging es zu einem grossen Teil genau um diese \u00abWie\u00bb. Wir Studierenden konnten \u2013 und mussten \u2013 unser Studium selbst gestalten. Es gab nahezu keine Pflichtveranstaltungen, gelernt wurde in Workshops und vor allem in individuellen, kollektiven oder institutionellen Projekten. Einziges konstituierendes Element waren die Moduldokumentationen, die wir alle zwei Monate zusammenstellten und mit unseren Coaches besprachen. Darin haben wir zusammengefasst und reflektiert, was wir im vergangenen Modul gelernt, gebaut, geschrieben, gelesen und verpasst haben, und wie wir weiterstudieren wollten. Nicht ohne Grund wird auch gesagt, dass am HyperWerk (so heisst das Institut) Freiheit studiert wird und genau das erlebte ich zugleich als grossartig und \u00fcberfordernd. \u00c4hnlich wie auch bei der Kulturanthropologie tastete ich mich an Themen und Methoden heran: F\u00fcr mich drehte sich w\u00e4hrend des Studiums viel um die Frage, wie gestalterische Praxis in Gesellschaften eingreifen kann. Methodisch bewegte ich mich viel im \u00f6ffentlichen Raum. Ich begann mit anderen Menschen im Winter Basler Brunnen zu heizen, gr\u00fcndete die zuk\u00fcnftige Schweizer Armee f\u00fcr Gemeinschaft und Frieden oder entwarf eine alternative W\u00e4hrung, die Menschen zum Dialog \u00fcber Geld einlud.<\/p>\n<p>Nun geht es hier aber nicht um meine bisherigen Erfahrungen, sondern um das Seminar im Jahr 2030. Doch f\u00fcr mich lassen sich Br\u00fccken in verschiedene Richtungen schlagen \u2013 auch wenn ich nicht hoffe, dass das Seminar zu einem zweiten HyperWerk (so der Name des Instituts an der HGK) oder umgekehrt wird. Fachhochschulen und Universit\u00e4ten unterschieden sich in vielen Punkten und dies auch seine guten Gr\u00fcnde. Und wie bereits anget\u00f6nt ist das mit der Freiheit auch nicht nur einfach. Dennoch stelle ich mir vor, dass beide Seiten mehr voneinander lernen und profitieren k\u00f6nnten, als sie es \u2013 meiner Einsch\u00e4tzung nach \u2013 bis anhin tun: W\u00e4hrend ich die sehr praktischen Zug\u00e4nge des Studiums am HyperWerk sch\u00e4tzte, vermisste ich die methodischen Werkzeuge, um meine Projekte in einem gesellschaftlichen Kontext verorten zu k\u00f6nnen. Ich w\u00fcnschte mir mehr Werkzeuge, um meine eigenen Positionen zu reflektieren, m\u00f6gliche Ankn\u00fcpfungspunkte zu finden und die Ver\u00e4nderungen, die wir prototypisch erprobten, besser beobachten, messen und verstehen zu k\u00f6nnen. Zu oft f\u00fchlte es sich so an, dass wir im Studium aufs Geratewohl hin gestalten \u2013 ohne wirklich den Kontext zu verstehen (auch wenn viel dar\u00fcber gesprochen wurde) und auch ohne gezielt zu beobachten, ob und was sich durch unsere Objekte, Projekte oder Interventionen ver\u00e4nderte.<\/p>\n<p>Im universit\u00e4ren Kontext erlebe ich manchmal das umgekehrte Gef\u00fchl: Dass wir aufs Geratewohl etwas erforschen und analysieren, Interviews machen und Arbeiten schreiben, ohne eine Idee zu haben, welche Form dies schliesslich annehmen k\u00f6nnte. Wir gehen oft gar nicht erst davon aus, dass es konkrete Auswirkung auf die Gesellschaft und den Alltag von Menschen haben k\u00f6nnte. Nun kann man sagen, dass wir am Studieren sind und es deshalb auch ganz berechtigt ist, Objekte zu gestalten oder Seminararbeiten zu schreiben, die neben dem Lerneffekt keinen Nutzen haben. Und klar sind die Aufgaben und Kompetenzen von Wissenschaft und Gestaltung andere. Doch f\u00fcr stellt sich dennoch die Frage: Was w\u00e4re, wenn wir \u2013 gerade in der Kulturanthropologie \u2013 die Trennlinien zwischen Forschen und Gestalten etwas aufweichen und nach m\u00f6glichen Verbindungen suchen w\u00fcrden?<\/p>\n<p>Dies k\u00f6nnte einerseits praktisch zu gemeinsam Lehrveranstaltungen zwischen Gestaltung \u2013 beispielsweise Modedesign, Grafik, Industriedesign, Szenografie \u2013 und Kulturanthropologie f\u00fchren oder sich in kollaborativen Projektarbeiten zwischen Studierenden aus unterschiedlichen Studienrichtungen manifestieren.<\/p>\n<p>Andererseits denke ich, dass gestalterische Werkzeuge in der Kulturanthropologie \u2013 auch als Methoden zum Forschen erprobt werden k\u00f6nnten: R\u00fcckblickend waren in meinem Studium am HyperWerk die einzelnen Projekte eigentlich immer zugleich Handlungs- und Forschungsfeld. Eine W\u00e4hrung zu entwickeln bedeutete, dass ich mich erst mit Geld an sich besch\u00e4ftigte. Zugleich lernte ich im Entwurfsprozess andere Dinge \u00fcber Geld und wie Menschen dieses nutzen, als wenn ich ausschliesslich B\u00fccher und Artikel dar\u00fcber gelesen oder Interviews dazu gef\u00fchrt h\u00e4tte. Im vergangenen Semester hier am Seminar entwickelten wir in einer \u00dcbung \u2013 wenn auch nur theoretisch \u2013 Interventionen in Machtverh\u00e4ltnisse im Alltag. Wir mussten uns konkrete m\u00f6gliche Eingriffe im \u00f6ffentlichen Raum \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>Dass bei solchen Aktionen oder bei gestalterischen Projekten mehr ins Feld \u00abeingegriffen\u00bb wird, als wenn eine teilnehmende Beobachtung gemacht oder anhand von Interviews geforscht wird, versteht sich von selbst. Doch gerade die Kulturanthropologie hat meiner Meinung nach gute Werkzeuge, um dieses Eingreifen und die eigene Position im Feld nicht nur zu reflektieren, sondern eben auch gezielt als Quelle f\u00fcr neue Erkenntnisse zu nutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und so kann ich mir vorstellen, dass die Studierenden im Jahr 2030 im Rahmen ihres Studiums mehr zeichnen, bauen, kochen, spazieren, fotografieren oder singen und so gestaltend forschen und forschend gestalten werden. In den Worten des Sozialanthropologen Tim Ingold, dass sie mehr lernen, durch das Machen zu denken \u2013 \u00abthinking through making\u00bb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir hatten es in diesem Kolloquium bereits davon: Kulturanthropologie ist ein Fach, das sich selbst reflektiert und versucht, wie ein Seismograph Gegenw\u00e4rtiges aufzusp\u00fcren. 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